3. Philosophieren über tierethische Fragestellungen
Intention
Tierethische Fragestellungen werden bei der Tierhaltung in der Schule zwangsläufig im Unterrichtsgeschehen auftauchen. Um diesen Fragen einen angemessenen Rahmen zu geben und sie nicht unter den Tisch fallen zu lassen, wird das Philosophische Gespräch über „Nachdenkfragen“ die Unterrichtsreihe „Wachtelhaltung in der Schule“ durchgehend begleiten. Die Unterrichtsanregungen verstehen sich zunächst als Einführung in das gemeinsame Philosophieren und beschreibt darüber hinaus, wie philosophische Gespräche in die folgenden Unterrichtseinheiten eingebaut werden können.
Die Kinder bekommen die Möglichkeit, sich in einem geschützten Rahmen, gemeinsam und ritualisiert Gedanken über die Haltung von Wachteln im Speziellen und über Tierhaltung im Allgemeinen zu machen, indem sie eigene Fragestellungen geleitet diskutieren.
Lernausgangslage
Die Bezeichnung Philosoph*in mögen einige Kinder schon einmal gehört haben und verbinden damit evtl. einen gebildeten Menschen. Ganz sicher haben die Kinder auch schon, ohne es zu wissen, über philosophische Fragestellungen gegrübelt. Im Unterricht sind es die Kinder allerdings weitgehend gewöhnt, Arbeitsaufträge zu bearbeiten, die auf ein klares Ziel ausgerichtet sind und am Ende zu einem „richtigen“ Ergebnis führen. Diese Ergebnisoffenheit eines philosophischen Gesprächs wird den meisten Kindern neu sein.
Mögliche Vorgehensweisen
Albert Einstein
Albert Einstein (1879-1955):
Physiker, Entwickler der Relativitätstheorie > steht für uns symbolisch für…
- naturwissenschaftliche Fragen
- eindeutige, beweisbare Antworten
- beantwortet durch experimentieren, rechnen, beobachten,…
Sokrates
Sokrates (469-399v.Chr.):
Griechischer Philosoph, Sokratische Gespräche auf der Suche nach Verständnis „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ > steht für uns symbolisch für…
- philosophische Fragen oder „Nachdenkfragen“
- keine eindeutige Antworten, sondern Annäherungen an eine mögliche Wahrheit
- beantwortet durch fragen, überlegen, diskutieren, definieren,…
- „Meistens suchen wir im Sachunterricht Antworten auf Fragen, die wir mit einem Experiment, durch Beobachten, Rechnen oder Recherchieren eindeutig beantworten können, so wie Albert Einstein häufig gearbeitet hat. Heute werden wir philosophieren und versuchen eine philosophische Frage zu beantworten, so wie Sokrates das schon vor über 2000 Jahren gemacht hat. Was heißt überhaupt philosophieren? Wer hat diesen Begriff vielleicht schon mal gehört?“
- Sammeln von Kinderäußerungen und -vermutungen
- Das heißt, wir sprechen heute über sogenannte Nachdenkfragen,…
- …zu denen es keine eindeutigen Antworten gibt.
- …zu denen es auch verschiedene Meinungen gibt.
- Ziel ist es, über diese schwierigen Themen nachzudenken und einer Antwort vielleicht ein bisschen näher zu kommen.“
- Dazu brauchen wir ein paar besondere Gesprächsregeln (Kinder benennen die bekannten Regeln)
- Klassische Gesprächsregeln:
- Ich melde mich, wenn ich etwas sagen möchte.
- Ich höre zu, wenn jemand anderes spricht.
- Philosophierregeln: Jeder darf sich frei äußern.
- Ich respektiere andere Meinungen.
- Ich bleibe beim Thema.
- Gesprächsball oder -stein
- Handzeichen für:
- Ich möchte etwas sagen.
- Ich möchte etwas dazu sagen.
- Klassische Gesprächsregeln:
- Unsere erste philosophische Frage lautet: „Was ist Glück?“ Dabei wollen wir uns an die neuen Regeln
Erarbeitung I
Beispielhafte Fragestellung „Was ist Glück“
- Unter Einhaltung der neuen „Philosophierregeln“ sprechen die Kinder über ihr jeweiliges Verständnis von Glück.
- Die Lehrperson moderiert den Erkenntnisprozess neutral mithilfe wertfreier, offener Nachfragen, die das Gespräch beim Thema halten, es vertiefen, für Verständnis sorgen und zum Weiterdenken anregen.
- Einige Definitionen des Glücksbegriffs können formuliert und schriftlich festgehalten werden.
- Beim nächsten Mal werden wir gemeinsam über unsere Wachteln nachdenken. Sicher gibt es auch zu diesem Thema Nachdenkfragen, über die es sich lohnt zu sprechen.
Erarbeitung II
Fragehaltung zum Thema Wachteln wecken
Bildbetrachtung / Bilder sortieren:
Verschiedene Bilder zum Thema Wachteln sind auf Gruppentischen ausgelegt (in der Natur, im Stall, Küken, Eier, … können später durch Bilder aus Legebatterien und von zubereiteten Wachteln ergänzt werden)
Auftrag in GA:
- Betrachtet die Bilder. ⇒ Sprecht darüber, was ihr seht.
- Sortiert die Bilder! ⇒ Sprecht über verschiedene Reihenfolgen.
- Warum habt ihr sie so sortiert? ⇒ Sprecht über Gründe für eure Reihenfolge.
- Befolgt dabei die Regeln für Nachdenkgespräche.
Im Museumsgang:
- Kinder präsentieren ihre Reihenfolge und begründen sie. Dabei können Fragen gestellt und beantwortet werden.
Abschluss
Reflexion:
- Im abschließenden Reflexionsgespräch fasst die Lehrperson die Argumente zusammen, notiert Äußerungen, die bei den Gesprächen fallen und sammelt Fragen, die sich daraus ergeben. Gemeinsam werden die Fragen nach naturwissenschaftlichen und philosophischen Nachdenkfragen sortiert. Die gesammelten Fragen werden gut sichtbar, sortiert an der Seitentafel oder auf einem Plakat aufgehängt. Sie können jederzeit durch weitere Fragen der Kinder ergänzt werden, die im Verlauf der Reihe aufkommen.
Ausblick:
- „Nachdenkfragen werden unsere Brut und Aufzucht der Wachteln durchgehend begleiten. Jeweils 10-15 Minuten der UEs werden philosophischen Gesprächen gewidmet sein.“
Schüleräußerungen aus der Erprobung
Stichworte
- Gefühle?
- Freiheit?
- Fressen und Futter?
Nachdenkfragen:
- Haben Wachteln Gefühle?
- Können Wachteln neugierig sein?
- Können Wachteln lächeln?
- Kann Wachteln langweilig sein?
- Können Wachteln traurig sein? Können Wachteln fröhlich sein?
- Können Wachteln nachdenken? Wie treffen sie Entscheidungen/ lösen Probleme?
- Wie würden Wachteln gerne leben?
Naturwissenschaftliche Fragen
- Was fressen Wachteln am liebsten?
- Was brauchen Wachteln um gesund zu sein?
- Wo leben Wachteln in der Natur?
- Welchen Gefahren sind Wachteln in der Natur ausgesetzt?
Mögliche Oberthemen:
- Nutztiere /Haltung
- Haltung (Bio, Freiland, Gruppen, Legebatterie)
- Eier-Codes
- Tierrechte
- Was passiert mit Männchen?
- Gründe: Unterschiedliche Erträge/ Aufwand
Tipps und Stolpersteine aus der Erprobung
Definitionen und Begrifflichkeiten.
Im Verlauf des Gesprächs wurden verschiedene Fachbegriffe und Fremdwörter genannt, die Verhalten von Lebewesen beeinflussen. Die Begriffe Instinkt, Reflex und Denken konnten im Gespräch nicht eindeutig definiert werden. Dies könnte als Rechercheauftrag vergeben oder von der Lehrperson recherchiert werden, um für das nächste Gespräch klar definiert zu sein.
Möglicher Ablauf zu beispielhaften Fragestellungen I
Auswahl der Nachdenkfrage:
- Es wird abgestimmt
- Fragen werden gezogen
- die Lehrkraft bestimmt eine Frage, die zum Thema der Stunde passt.
Beispiel 1: Kleingruppen - Haben Wachteln Gefühle? (ca. 15min)
Einstieg
Im Sitzkreis.
Wiederholung der Gesprächsregeln bei philosophischen Gesprächen und des Inhalts der vergangenen UE.
- Heute sprecht ihr über die Frage: Haben Wachteln Gefühle?
Erarbeitung
In GA.
Die Nachdenkfrage ist an den Gruppentischen groß ausgelegt. Es gibt an jedem Gruppentisch einen Erzählstein.
Die Kinder sprechen mithilfe der vereinbarten Regeln etwa 10 Minuten über ihre Gedanken zur Fragestellung.
Die Lehrperson unterstützt bei Bedarf, indem sie mit Hilfe philosophischer Moderationsfragen die Kinder dazu bringt, ihre Aussagen zu präzisieren und zu reflektieren, Perspektiven zu ändern und sich auf Gedankenexperimente einzulassen.
- Welche Gefühle könnte eine Wachtel haben?
- Wie kann eine Wachtel Gefühle zeigen?
- Stell dir vor, du wärst eine Wachtel?
- ...
Abschluss
Im Sitzkreis:
Die Lehrkraft fasst die Erkenntnisse zusammen und lässt durch SchülerInnen ergänzen.
- Beim Unterrichtsversuch ergab sich aus dem Gespräch die Anschlussfrage: Was braucht eine Wachtel zum glücklich sein? Bzw. Wie würden Wachteln gerne leben?
Möglicher Ablauf zu beispielhaften Fragestellungen II
Beispiel 2: Großgruppe - Wie würden Wachteln gerne leben? (ca.15min)
Einstieg:
Im Sitzkreis:
Rückblick auf das letzte philosophische Gespräch und die Anschlussfrage: Wie würden Wachteln gerne leben?
Erarbeitung:
Hier greifen die Kinder auf das bereits gesammelte Wissen zu den Grundbedürfnissen von Wachteln zurück. (vgl.UE2) Außerdem bringt die Lehrkraft Bilder verschiedener möglicher Haltungsformen von Wachteln mit. Diese werden benannt und hinsichtlich ihrer Eigenschaften bzgl. der Grundbedürfnisse beschrieben.
Es werden Vor- und Nachteile der verschiedenen Haltungsformen genannt und festgehalten.
Abschluss
Alle Ergebnisse werden festgehalten und geordnet.
Möglicher Ablauf zu beispielhaften Fragestellungen III
Beispiel 3: Rollenspiel - Wie würdest du als Wachtel gerne leben? (ca.45min)
Einstieg
Die Lehrperson erzählt die Geschichte von vier Wachteln, die sich unterhalten. Jede lebt in einer anderen Haltungsform
- Freilebend
- Freilandhaltung / Voliere mit Auslauf
- Stall- / Käfighaltung
- Massentierhaltung
Die Kinder werden zu zweit oder dritt die Rollen der verschiedenen Wachteln einnehmen und über die Vor- und Nachteile der jeweiligen Haltungsform sprechen.
Arbeitsauftrag:
Du bist eine Wachtel aus…-haltung. Bereite dich in deiner Gruppe /mit deinem Partner auf das Gespräch vor.
Denkt dir einen Namen aus.
Wie sind deine Lebensbedingungen?
- Nahrung
- Nahrungsbeschaffung
- Unterschlupf
- Fortpflanzung > Partnersuche und Brut
- Feinde
Welche Vor- und Nachteile haben diese Lebensbedingungen? Wärst du als Wachtel unter diesen Bedingungen glücklich?
Erarbeitung
In GA:
Die Kinder notieren sich Vor- und Nachteile der jeweiligen Lebensbedingungen und überlegen, ob sie als Wachtel unter diesen Bedingungen glücklich wären. (ca.10min)
Im Kreis:
- Stell dir vor, du triffst die anderen dir fremden Wachteln. Du kennst nur deine Lebensbedingungen. Befragt euch gegenseitig über euer Leben. Was gefällt dir am Leben der anderen besser oder schlechter als an deinem Leben?
Vier Kinder unterschiedlicher Lebensbedingungen führen ein Gespräch im Kreis. (je Gruppe ca.5min)
Das Publikum beobachtet und bildet sich seine Meinung aus den Aussagen der RollenspielerInnen.
Reflexion
Philosophisches Gespräch
Welche Haltungsform würdest du als Wachtel, nachdem du die Rollenspiele gesehen hast, bevorzugen? Warum?
Angestrebtes Unterrichtsergebnis
Die Kinder lernen die Gesprächsregeln für philosophische Gespräche kennen und wenden Sie an. Dabei lernen sie eine philosophische Fragehaltung kennen und sammeln Nachdenkfragen, die in den kommenden UEs besprochen werden können.