Didaktik im Fokus

Entdeckendes Lernen

Erfahrungen und Einsichten durch eigenständige Auseinandersetzung mit Phänomenen zu gewinnen, bedeutet entdeckend zu lernen.

Merkmale entdeckenden Lernens

Es gibt verschiedene Auslegungen des Begriffs „entdeckendes Lernen“. Es wird jedoch immer die selbstständige Auseinandersetzung des Kindes mit einem Problem in den Mittelpunkt gestellt. Damit ist die selbstständige Aneignung der Umwelt durch den Lernenden beschrieben. 

Jerome Bruner hat in den 60er Jahren den Begriff in der didaktischen Diskussion maßgeblich geprägt. In seiner strengsten Auslegung sucht der Lernende Antworten auf eigene Fragestellungen und findet in dem Lernprozess eigene Lösungswege.

Nach Bruner bewirkt ein Unterricht, der entdeckendes Lernen ermöglicht, beim Lernenden eine Steigerung der  

1. Transferförderung - Induktion

Das Kind geht mit gelerntem Wissen induktiv um, das heißt, es sucht nach jeder neu gelernten Wissenseinheit nach Gemeinsamkeiten in seiner schon vorhandenen Wissensstruktur und formuliert daraufhin Regeln, um sich bestimmte Gemeinsamkeiten erklären zu können.

Je mehr Einzelfälle er kennenlernt, desto präziser werden seine Regeln, so dass er nach einer gewissen Weile in der Lage ist, auf der Basis seiner Regeln ungewisse Faktoren vorherzubestimmen.

2. Problemlösefähigkeit

Hierzu gehört die Fähigkeit, die Lösung einer Frage selbstständig anzugehen. Der Lernende muss in der Lage sein, "die Fragestellung zu analysieren, Hypothesen zu formulieren und zu prüfen." (Edelmann, 1996: S. 216) Beherrscht das Kind diese Eigenschaft, so hat es gelernt, zu lernen, so BRUNER.

3. Intuitives Lernen

Hiermit sind Einfälle gemeint, deren Herkunft man nicht in Worte fassen kann. Der Volksmund nennt solche Einfälle auch "Geistesblitze". Intuitives Denken ist zurückzuführen auf die Vertrautheit in einem bestimmten Wissensgebiet. Hierdurch ist der Lernende in der Lage, bestimmte Denkschritte zu überspringen, um schneller zu seinem Ziel zu gelangen.

4. Förderung der intrinsischen Motivation

Es wird beim entdeckenden Lernen  Neugier gegenüber einem Wissensgebiet erzeugt, indem man nur Bruchstücke bekannt gibt und die Fülle der Informationen von den Kindern entdecken lässt. Diese Neugier wirkt motivierend auf die Kinder, neues Wissen zu erlangen.

Untersuchungen der letzten Jahre zeigen, dass entdeckendes Lernen dem herkömmlichen, gelenkten Lernen überlegen ist. Behaltensleistungen sind mittelfristig besser abrufbar, wenn Inhalte selbstständig entdeckt wurden.

Gleichzeitig zeigen aber auch Untersuchungen von Möller u.a., dass die unterschiedlichen intellektuellen Lernvoraussetzungen unterschiedlich erfolgreiche Lernerfahrungen ermöglichen. Hier kommt die Notwendigkeit des „scaffoldings“, des Anbietens von Unterstützungsmaßnahmen ins Spiel. Alle Kinder lernen erfolgreicher, wenn sie ihr Wissen entdecken können. Es ist die Aufgabe des Lehrers, Unterstützungsmaßnahmen anzubieten, die selbstständiges Entdecken möglich machen. „Entdeckendes Lernen kann für alle Lernenden einen Rahmen für erfolgreiches Lernen bieten, sofern die jeweilige Lernsituation an die Voraussetzungen der Lernenden angepasst ist. Forschungsergebnisse zeigen, dass entdeckendes Lernen in völliger Offenheit stärker strukturierten Lernprozessen unterlegen ist.“ (Hartinger & Lohrmann 2014)

Was ist Scaffolding?

Scaffolding

Scaffolding (engl. für Gerüst) im schulischen Kontext beschreibt eine gezielte vorübergehende Unterstützung bei der Wissenskonstruktion von Schülerinnen und Schülern durch die Lehrkraft. Der Begriff des Scaffolding stammt aus den 70er Jahren und geht auf die Arbeit von Wood et al. (1976) zurück und basiert auf Wygotskis Theorie der "Zone der proximalen Entwicklung".

Theorie der Zone der proximalen Entwicklung

Die Zone der proximalen Entwicklung beschreibt die Distanz zwischen dem aktuellen Entwicklungsniveau, bestimmt durch die eigenständige Problemlösefähigkeit des Kindes, und der Stufe der nächsten Entwicklung, welche durch die Unterstützung von Erwachsenen oder in Zusammenarbeit mit fähigeren Gleichaltrigen erreicht werden kann (Vykotsky 1978).  

Lernende sollen demnach in die Lage versetzt werden Aufgaben zu bewältigen, die sie ohne Hilfestellung noch nicht bewältigen können. Die Funktion des Scaffoldings ist es die Komplexität eines Problems zu reduzieren, relevante Merkmale des Problems hervorzuheben, ein Modell für die Lösung des Problems zu liefern sowie Aussagen von Lernenden zu thematisieren und zu hinterfragen. Scaffolding dient somit als kognitive Strukturierungshilfe, um die Anforderungen einer Lernsituation so zu gestalten, dass sie von den Lernenden bewältigt werden kann. Der Anspruch für die Lehrkraft besteht darin:

  1. Ein gemeinsames Verständnis des Unterrichtsziels herbeiführen
  2. Laufend den Grad des Verständnisses der Schüler diagnostizieren
  3. Sorgfältig abgestimmte individuelle Lernhilfen geben
  4. Die instruktionale Unterstützung mit zunehmender Selbstständigkeit des Lernenden ausblenden

Besonders der Punkt 4 macht deutlich, dass die Unterstützung, die Strukturierungsmaßnahmen nur vorübergehende Hilfen darstellen und von der Lehrkraft schrittweise reduziert werden sollen. Entsprechende Techniken finden heute vor allem im Bereich des E-Learning Anwendung.

Weiterführende Informationen

Gudjons, H. (2014): Handlungsorientiert lehren und lernen: Schüleraktivierung - Selbsttätigkeit - Projektarbeit

Hartinger, A. & Lohrmann, K. (2014): Entdeckendes Lernen

Kleickmann, T., Vehmeyer, J. & Möller, K. (2010). Zusammenhänge zwischen Lehrervorstellungen und kognitivem Strukturieren im Unterricht am Beispiel von Scaffolding-Maßnahmen

„Entdeckendes Lernen – Grundschulwiki“.


„Fachhochschule Kiel: Entdeckendes Lernen“


„Forschendes Lernen - PRIMAS - Deutschland“

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